Bundesamt für Naturschutz

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Rohstoffabbau

Abbau von mineralischen Rohstoffen und das Management von Natura 2000

Der Abbau von mineralischen Rohstoffen und der Naturschutz haben eines gemeinsam: Beide sind weitgehend ortsgebunden. Der Abbaubetrieb ist auf die vorhandenen Lagerstätten angewiesen, die meisten Biotope lassen sich in ihrer historisch gewachsenen biologischen Vielfalt nicht „verpflanzen“ oder gar in kurzen Zeiträumen regenerieren und wie viele Arten können sie nur dort geschützt werden, wo sie vorkommen. Was auf den ersten Blick als völlig unvereinbar gilt, kann aber in vielen Fällen bei ausreichender Kenntnis der Schutzbedürfnisse der örtlich vorkommenden Arten der FFH - und der Vogelschutzrichtlinie und der Betriebserfordernisse des Abbaus zu einer für beide Seiten überzeugenden und funktionierenden Kooperation führen, solange keine Lebensraumtypenflächen (des Anhang I) abgebaut und dauerhaft zerstört werden.

Abbaustätten von Rohstoffen über Tage wie Sand- und Kiesgruben oder Steinbrüche zum Abbau von Festgesteinen können schon während des Abbaus wertvolle neue Lebensräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten darstellen. Durch geeignete Maßnahmen bei der so genannten Renaturierung von Abbauflächen nach Beendigung des Abbaus lassen sich die Lebensbedingungen für diese Arten zudem längerfristig sichern oder neue Lebensräume gezielt entwickeln.

Daher wurde ein kleiner Teil der aktiven Rohstoffabbaubereiche in das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 einbezogen – wenngleich zahlreiche Rohstoffabbaubereiche, auch wenn dies naturschutzfachlich möglich gewesen wäre, nicht in das Netz Natura 2000 einbezogen wurden. Vor Neueinrichtung von Abbaugruben und Steinbrüchen innerhalb der Schutzgebiete ist grundsätzlich eine spezielle Verträglichkeitsprüfung mit den Schutzzielen des jeweiligen Natura 2000-Gebiets erforderlich, um negative Auswirkungen eines Vorhabens auf ein Schutzgebiet zu vermeiden. Sofern ein Abbauvorhaben jedoch schon vor der Schutzgebietsausweisung bestand oder im Ausnahmeverfahren der FFH -Verträglichkeitsprüfung genehmigt wurde, sollte die Abbauführung so gestaltet werden, dass ein bestmögliches Miteinander von Abbau- und Naturschutzinteressen gewährleistet wird.

Auch während des Abbaubetriebs können Abbaustätten positive Funktionen für den Naturschutz erfüllen: Durch Sukzessionsflächen, die im Zuge des Abbaufortschrittes innerhalb der Abbaustätte unterschiedlich weit in ihrer natürlichen Entwicklung fortgeschritten sind, können hochwertige Lebensräume entstehen, die im Hinblick auf seltene und gefährdete Arten eine wichtige Bedeutung für den Erhalt der Artenvielfalt der umliegenden Kulturlandschaft einnehmen. Gerade beim Schutz von "Pionierarten" lassen sich Schutzziele und Nutzung vereinen. Einige dieser Arten wie z. B. die Gelbbauchunke besiedeln heute hauptsächlich anthropogene, sekundäre Lebensräume wie Sand-, Kies- und Tongruben sowie Steinbrüche. Die Gelbbauchunke erreicht in den Abbaubereichen (sowie auf militärischen Übungsplätzen) ihre kopfstärksten Populationen. Die Gelbbauchunke findet gerade während der Abbautätigkeiten ideale Lebensbedingungen vor, da sie eine typische Pionierart ist, die durch den Abbau regelmäßig neu geschaffene Gewässer schnell besiedeln kann.

Auch für andere Arten wie den Flussregenpfeifer oder die Uferschwalbe können Steinbrüche oder Abbaugruben attraktive Lebensräume darstellen. Beide Arten haben ihre primären Brutvorkommen an naturnahen Flussläufen: Flussregenpfeifer nisten auf Schotter- und Kiesbänken, Uferschwalben in selbst gegrabenen Höhlen an frisch angerissenen Steilwänden. Durch den Verbau der Flusstäler wurden ihre Lebensräume immer mehr eingeschränkt. Auch Uhu und Wanderfalke finden in Steinbrüchen nicht selten günstige Bedingungen für die Aufzucht ihrer Jungen.

Als eine weitere Art nutzt auch der Apollofalter Steinbruchhalden als Sekundär-Lebensraum. Aufgrund der aufgegebenen Nutzung von Magerrasen, dem ursprünglichen primären Lebensraum des Apollofalters, sind diese zunehmend verbuscht. Der Apollofalter ist daher auf Steinbrüche und Abbaustätten ausgewichen.
Ein Steinbruchkonzept zur Entwicklung von Steinbrüchen stellen  Geyer & Dolek vor: Die Erhaltung der Steinbrüche als „Artenreservoir“ für den Apollofalter soll über den Biotopverbund zu einer Stabilisierung von (Teil-)Populationen der Art führen bzw. zukünftig  deren Wiederbesiedlung von primären Habitaten (Felsen und Magerrasen) gewährleisten.
Aufgrund geänderter Abbaumethoden ist der Steinbruch als sekundärer Lebensraum für den Apollofalter nach  Geyer & Dolek allerdings stark im Rückgang begriffen. Früher wurden die entstandenen Abraumhalden mit erdefreien Kalkplattenmaterial abgedeckt, dem zuletzt anfallenden Abbaumaterial. Dadurch wurden Eigenschaften wie bei einem natürlichen Felssystem geschaffen, wodurch der Apollofalter die Steinbruchhalden als Lebensraum nutzen konnte.
Mit der neuen maschinellen Abbautechnik werden Halden nicht mehr notwendigerweise mit Kalkplattenmaterial abgedeckt. Außerdem praktizierte man seit den 70er Jahren eine Rekultivierung, d. h. eine Verdeckung der Halden mittels einer Aufschüttung von erdereichem Material und Humusauftrag. Dadurch wurden die frühen Sukzessionsstadien, d. h. offenen steinigen Böden, die für den Apollofalter relevant sind, verhindert.
So besteht aus Naturschutzsicht das Ziel, mit der heutigen Abbautechnik den damaligen, Wert gebenden Haldenaufbau wieder zu erreichen ( Geyer & Dolek).

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Letzte Änderung: 21.03.2011

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